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Niveau des mots :

« Liebt mich alt und hässlich, und ich werde glauben, dass ihr mich liebt. »
— Albert Cohen, Die Schöne des Herrn


📖 Zusammenfassung

Die Greisenszene

🎭 Geliebt um seiner selbst willen, alt und hässlich? Sie jagt ihn davon.

Um Die Schöne des Herrn zu betreten, muss man zuerst eine unwahrscheinliche und herrische Szene hinnehmen, eine jener Szenen, die allein der Roman sich erlauben darf, weil sie weniger ein Ereignis als eine Beweisführung ist. Ein Mann dringt bei einer Frau ein, die er liebt — oder lieben will, was bei Cohen nie ganz dasselbe ist —, und er zeigt sich ihr als Greis verkleidet. 🕯️ Nicht zum Spaß geschminkt, sondern methodisch entstellt: die Haut welk, der Rücken gebeugt, die Zähne verfault, der ganze körperliche Zerfall auf einem einzigen Gesicht versammelt, um einen lebendigen Einwand gegen die Liebe zu bilden. Dieser Mann ist Solal, Jude aus Kephallenia, Untergeneralsekretär beim Völkerbund, ein Verführer von solcher Schönheit und solchem Prestige, dass ihm, wie das Gerücht will, keine Frau widersteht. Und die Frau, die er in der Vertrautheit ihres Zimmers überrascht, ist Ariane, jung, hochmütig, protestantische Aristokratin aus Genf, schön und einer Existenz überdrüssig, die ihr nicht gleicht.

Solals Kalkül ist von durchsichtiger Grausamkeit. Er will nicht verführen: er will beweisen. Beweisen, dass man, wenn man ihn liebt, nie ihn selbst liebt, sondern seine Jugend, seine Kraft, den Glanz seines Amtes — kurz, den Herrn und nicht den Menschen. Alt und hässlich zeigt er sich also so, wie er gefürchtet wird eines Tages geliebt zu werden: entblößt von allem, was fasziniert. Und Ariane weicht vor diesem Greis, der sie mit einem allzu glühenden Blick umfängt, entsetzt zurück. Sie ahnt den Mann unter der Maske nicht; sie sieht nur ein abstoßendes Fleisch, einen Altersgeruch, eine obszöne Annäherung. Ihr Ekel ist unmittelbar, viszeral, wahrer als alle Höflichkeiten der Welt — und genau diesen Ekel war Solal zu suchen gekommen. Er hat seine Wette gewonnen, indem er sie verlor: der Beweis ist erbracht, und er ist bitter. 🥀

Aus dieser Gründungsszene erwächst die Theorie, die den ganzen Roman wie ein Basso continuo durchzieht. Solal formuliert sie für sich selbst mit der Hellsicht eines Mannes, der zu viel begriffen hat, um glücklich zu sein. Die Leidenschaft, behauptet er, sei kein Aufschwung der Seele zur Seele; sie sei eine Mechanik, ein von der Natur programmierter Reflex, ausgelöst durch Signale — den hohen Wuchs, das strahlende Gebiss, den Muskel, die Macht. Die Frauen, meint er mit einer Frauenfeindlichkeit, die zugleich eine ungeheure Wunde ist, liebten nur den Sieger, das triumphierende Männchen, „die weißen Zähne des Herrn“. Erscheine er jung und prächtig, so werde Ariane ihm zu Füßen fallen; zeige er sich alt und schwach, so werde sie ihn verjagen. Nichts in dieser Liebe richte sich an das, was er wirklich ist; alles antworte auf das, was er darstellt. Die Leidenschaft wäre so das genaue Gegenteil der Liebe: ein der Kraft dargebrachter Kult, eine als Zärtlichkeit verkleidete Vergötterung.

Man könnte diesen Solal zynisch nennen. Er ist es, doch sein Zynismus ist der eines von den eigenen Trugschlüssen verratenen Mannes, eines Verzweifelten, der mehr als alles andere unrecht haben möchte. Denn die Theorie ist keine kühle Beobachtung: sie ist eine Wunde. Cohen macht aus seinem Helden einen metaphysischen Empörer, einen Mann, der die ganze Eitelkeit der Liebeskomödie ermessen hat und sie, weil er sich ihrer nicht entledigen kann, mit herrischer Verachtung spielt. Er kennt das Drehbuch im Voraus: Er wird Ariane verführen, er wird triumphieren, und eben dieser Triumph wird ihm das Einzige nehmen, wonach er begehrt — die Gewissheit, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Der Verführer trägt von der ersten Seite an den Ruin seiner Eroberung in sich. 🎭

Hier zeichnet sich im Umriss der große Gegensatz des Buches ab, den acht Bögen bis zum Tod erproben werden: auf der einen Seite die Leidenschaft, herrlich und unfruchtbar, die sich am Feuer der Bewunderung entzündet und erlischt, sobald sie gestillt ist; auf der anderen die wahre Liebe — die Zärtlichkeit, das Mitleid, die demütige und treue Bindung, die allein der Zermürbung durch die Zeit und dem Verfall der Körper standhält. Solal träumt, ohne es zu wagen, es zu benennen, davon, alt und hässlich geliebt zu werden, das heißt: überhaupt geliebt zu werden. Die Greisenszene ist nichts anderes als der im Voraus geführte und im Voraus verlorene Prozess der Leidenschaft, geführt von eben dem, der sich in sie stürzen wird.

Cohen aber, dieser wunderbare Romancier, entlässt uns nicht mit einer These, sondern mit einem Wesen. Solal fasziniert, weil er zugleich Richter und Schuldiger ist, Prophet der Liebe und ihr prunkvollster Entweiher. Seine Hellsicht rettet ihn nicht; sie kettet ihn. Er weiß alles über die Mechanik der Liebe, und dieses Wissen wird ihn nicht daran hindern, Ariane bis in den Tod zu lieben. Der Leser erahnt bereits, dass die Theorie, so glänzend sie sein mag, durch das Leiden widerlegt werden wird — und dass kein System einen Menschen vor seinem eigenen Herzen schützt. 💫 Der Roman kann beginnen: Wir haben den Herrn getroffen, wir haben seine Theorie gehört, und wir wissen, mit jener köstlichen Beklemmung, die den großen Eröffnungen eigen ist, dass er sie wird leben müssen, um zu begreifen, wie sehr sie recht hatte und wie sehr sie unrecht.


💭 Reflexion & Diskussion

  1. Solal beschließt, sich alt und hässlich zu zeigen, um die Aufrichtigkeit der Liebe zu prüfen. Erscheint Ihnen diese Prüfung fruchtbar oder pervers? Darf man verlangen, „trotz allem“ geliebt zu werden?
  1. Solals „Theorie“ reduziert die Leidenschaft auf eine von Kraft und Prestige ausgelöste Mechanik. Was ist berechtigt und was ungerecht an diesem Verdacht, der auf das Begehren geworfen wird?
  1. Arianes Ekel vor dem Greis ist spontan, beinahe tierisch. Sagen unsere körperlichen Reaktionen eine Wahrheit aus, die unsere Reden über die Liebe zu verdecken suchen?
  1. Solal ist zugleich Richter und Mitschuldiger der Komödie, die er anprangert. Schützt die Hellsicht vor dem Begehren, oder verschlimmert sie es?
  1. Der Roman stellt von Anfang an die Leidenschaft (die sich verbraucht) der Zärtlichkeit (die dauert) gegenüber. Scheint Ihnen diese Unterscheidung haltbar, oder ist sie nur ein Trost nach der Leidenschaft?
  1. Kann man ein Wesen „um seiner selbst willen“ lieben, unabhängig von allem, was es darstellt — Schönheit, Rang, Verheißung? Oder ist jede Liebe immer, zum Teil, Bewunderung eines Prestiges?

📚 Weiterführendes

Stendhal, Über die Liebe — Die Theorie der „Kristallisation“ beschreibt, wie der Geist das geliebte Wesen mit eingebildeten Vollkommenheiten schmückt, wie der ins Salzbergwerk geworfene Zweig sich mit Diamanten überzieht. Indem Solal sich hässlich zeigt, versucht er gerade, die Kristallisation zu verhindern — und beweist durch sein Scheitern, dass man nie das nackte, sondern stets das geschmückte Objekt liebt.

Denis de Rougemont, Die Liebe und das Abendland — Der grundlegende Essay über den Mythos von Tristan und Isolde: Die abendländische Leidenschaft liebt das Hindernis mehr als das Wesen und läuft insgeheim ihrem eigenen Tod entgegen. Rougemont erhellt im Voraus Solals Weg, Prophet und Opfer der „tödlichen Leidenschaft“.

Platon, Das Gastmahl — Die Rede der Diotima unterscheidet die Liebe zur sichtbaren Schönheit vom Aufstieg zur Schönheit an sich. Solal, besessen vom Prestige der Körper, ist ein verkehrter und unglücklicher Platoniker: Er weiß, dass man die Seele lieben müsste, und liebt doch nur den Herrn.

Molière, Der Menschenfeind — Alceste, ein anderer Hellsichtiger in Auflehnung gegen die Komödie der Sitten, prangert die gesellschaftliche Heuchelei bis zur Unlebbarkeit an. Ein nützlicher Gegenpol, um zu ermessen, was Solals Hellsicht der Tradition der großen Verweigerung verdankt.


🔊 Audio

▶️ Kapitel 1 anhören — Natif

Lerntipp: Hören Sie die Szene zunächst ganz, ohne mitzulesen, um ihre theatralische Fremdheit zu spüren; lesen Sie sie dann noch einmal und achten Sie darauf, wie Cohen unter die Erzählung die Formulierung einer These gleiten lässt.


✍️ Schreibübung

  1. Thema: Stellen Sie sich vor, ein geliebtes Wesen unterwerfe Sie auf seine Weise der „Prüfung des Greises“: Es tritt Ihnen entblößt von allem entgegen, was es reizvoll machte, und lauert auf Ihre Reaktion. Schreiben Sie die Szene in 250 bis 300 Wörtern, aus der Sicht dessen, der die Prüfung erleidet, ohne zunächst ihren Sinn zu kennen. Arbeiten Sie das Anschwellen des Unbehagens heraus: die Verstörung, das Zurückweichen des Körpers, dann den Schwindel des Begreifens. Suchen Sie, nach Art Cohens, eine weit ausholende, sinnliche Prosa, die zugleich den Widerwillen und die Scham über diesen Widerwillen wiedergeben kann. Schließen Sie mit einer Doppeldeutigkeit — weder Triumph noch Verurteilung —, denn die Wahrheit, die eine solche Prüfung enthüllt, ist niemals einfach, und der Leser muss, wie Ihre Figur, hin- und hergerissen bleiben.