« Sie hatte einen Mann geheiratet, den sie nicht bewunderte, und die Langeweile hatte sich wie ein dritter Gast an ihren Tisch gesetzt. »
— Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
📖 Zusammenfassung
💍 Ariane langweilt sich an der Seite Adriens, der ganz in seiner Karriere aufgeht.
Nach dem lyrischen Gewitter der Greisenszene tut Cohen, was die großen Romanciers tun: Er öffnet die Fenster und lässt die gewöhnliche Welt herein, mit ihren gewachsten Möbeln, ihren kleinen Eitelkeiten und ihren Tischgesprächen. Wir betreten die Welt Arianes außerhalb der Leidenschaft, das genaue Dekor, aus dem die Leidenschaft sie wird herausreißen wollen: eine herrschaftliche Genfer Wohnung, ein geregeltes Leben, eine tadellose und flammenlose Ehe. 🕰️ Ariane, entsprossen dem alten protestantischen Adel, Abkömmling eines Geschlechts, das Genf Pastoren und Richter geschenkt hat, hat Adrien Deume geheiratet, einen Beamten des Völkerbundes, einen liebenswürdigen, beflissenen und vollkommen mittelmäßigen Mann. Dieser soziale Kontrast — die Patrizierin und der emporgekommene Kleinbürger — ist die erste Triebfeder einer Satire, die Cohen mit grausamem Jubel führt.
Denn Adrien ist eine vollendete komische Figur, und Cohen zeichnet ihn ohne einen Funken Mitleid, doch mit jener paradoxen Großzügigkeit des großen Satirikers, der liebt, was er verspottet. Adrien lebt ganz auf seine Karriere ausgerichtet: die Rangstufen, die Beförderungen, den Bericht, den er seit Monaten hinter sich herschleppt, ohne ihn zu beenden, die hartnäckige Hoffnung auf einen Aufstieg. Sein Innenleben schrumpft zu einem gutmütigen Karrierismus, gesäumt von kleinen Feigheiten und großen Erwartungen. Er liebt Ariane auf seine Weise, das heißt zerstreut, wie man ein schönes Erbstück liebt, auf das man stolz ist, ohne es anzusehen. Er ahnt nichts von dem Abgrund, der in ihr schläft, noch von der Langeweile, die an ihr nagt, und eben diese Verblendung — dieses gute Gewissen des mit wenig Zufriedenen — macht ihn zum idealen und beinahe rührenden Opfer des Dramas, das sich vorbereitet.
Um das Paar kreisen die Eltern Deume, Hippolyte und Antoinette, ein Gipfel der gesellschaftlichen Komödie des Romans. Vor allem Antoinette, die Adoptivmutter, bietet Cohen ein Festmahl: fromm ohne Barmherzigkeit, versnobt ohne Herkunft, besessen von den Konventionen, misst sie die Welt am Maßstab der Beziehungen, die man knüpfen, und der Einladungen, die man ergattern kann. Ihre Frömmigkeit ist nur eine Spielart weltlicher Berechnung; ihre Tugend eine pedantische Bigotterie. Der Erzähler spießt jedes Detail auf — das Tischtuch, das man für vornehme Gäste hervorholt, die abgegriffenen Redensarten, die alte Magd Mariette, die man abwechselnd schindet und bedauert — bis hin zu einem Sittenbild von grausamer Komik. Dieses seiner selbst so gewisse Bürgertum, sparsam mit seinen Gefühlen wie mit seinem Geld, bildet das genaue Gegengewicht zur Maßlosigkeit Solals: zwei Welten, die aufeinanderprallen werden. ✨
Inmitten dieses Dekors erstickt Ariane. Sie fühlt sich, und sie ist, ihrer Umgebung überlegen — feiner, tiefer, durstiger nach dem Absoluten —, und eben diese Überlegenheit ist eine Falle, denn sie verurteilt sie zu einer schweigenden Verachtung, die sie isoliert, ohne sie zu befreien. Cohen erfasst bewundernswert diesen aristokratischen Lebensüberdruss, dieses langsame Verkümmern einer Seele, die zu groß ist für das Leben, das man ihr zugeschnitten hat. Ariane träumt, erzählt sich Geschichten, nimmt lange Bäder, in denen sie mit sich selbst spricht, unterhält mit ihrem eigenen Bild einen Dialog, in dem ein Durst nach Größe durchbricht, der nirgends Verwendung findet. Sie wartet, ohne zu wissen worauf; sie lauert, ohne es zu benennen, auf das Ereignis, das die Wände ihres wohlgeordneten Daseins sprengen wird. 🌊
Was Cohen hier mit der Geduld eines Malers anlegt, ist der Boden der Leidenschaft. Keine Frau ist bereiter, in einer absoluten Liebe zu versinken, als jene, die in einer lauen Ehe vor Langeweile stirbt. Adriens Mittelmäßigkeit ist nicht nur eine komische Tatsache: sie ist die Bedingung der Möglichkeit des Dramas. Weil sie ihren Mann nicht bewundert — und die Bewunderung ist, wie wir seit dem vorigen Bogen wissen, bei Cohen die erste Triebfeder des Begehrens —, trägt Ariane eine ungeheure Leere in sich, ein Bedürfnis zu verehren, das keinen Gegenstand hat. Solal, prächtig und prestigereich, wird diese Leere in demselben Augenblick füllen, in dem er es will. Die soziale Satire und die Tragödie der Leidenschaft sind hier, weit davon entfernt, zwei getrennte Register zu sein, die beiden Abhänge eines und desselben Mechanismus: Weil die Welt so klein ist, träumt man von einer so großen Liebe.
Man muss die Meisterschaft des Kontrapunkts hervorheben, der den ganzen Roman beherrscht. Cohen wechselt in wenigen Seiten vom Erhabenen zum Grotesken, vom entfesselten Lyrismus Solals zu den Lächerlichkeiten Antoinette Deumes, ohne dass der Leser je den Faden verlöre. Dieser Wechsel ist keine stilistische Laune: er ist der Sinn des Buches selbst. Indem er Seite an Seite die wahnwitzige Größe der Leidenschaft und die drollige Kleinheit des bürgerlichen Lebens zeigt, weigert sich Cohen zu wählen und lässt uns in einem hellsichtigen Schwindel zurück. Soll man über diese Komödie der Konventionen lachen oder über die Seele weinen, die sich in ihr verzehrt? Beides, antwortet der Romancier, und diese doppelte Sicht macht Die Schöne des Herrn zu einem zugleich urkomischen und herzzerreißenden Buch. 🎭
Wenn dieser Bogen sich schließt, ist alles bereit. Wir kennen Ariane nicht mehr als die unerreichbare Schöne der Eröffnungsszene, sondern als eine wirkliche Frau, gefangen in einem Dasein, das sie demütigt, ohne dass sie es sich einzugestehen wagt. Wir wissen, was sie flieht, und also, worauf sie zulaufen wird. Adrien indes müht sich um seine Karriere, träumt von seinem Aufstieg und ahnt souverän nichts davon, dass ein Mann in den Fluren des Völkerbundes bereits den Faden seines Schicksals — und des seiner Frau — in Händen hält. Die Mittelmäßigkeit ist bei Cohen niemals unschuldig: sie ruft ihre Strafe herbei, und die Strafe wird hier das strahlende Gesicht des Herrn tragen.
💭 Reflexion & Diskussion
- Ariane verachtet ihre Umgebung, ohne sich von ihr befreien zu können. Ist das Gefühl der Überlegenheit eine Kraft oder ein weiteres Gefängnis?
- Cohen zeichnet Adrien mit komischer Grausamkeit, doch ohne Hass. Kann man sich über eine Figur lustig machen und sie zugleich rührend machen? Worauf beruht dieses Gleichgewicht?
- Die Satire der Deumes zielt auf ein frömmelndes und snobistisches Bürgertum. Erscheint Ihnen diese Malerei der Konventionen überholt, oder erkennen Sie diese „weltliche Bigotterie“ in unserer Zeit wieder?
- Der Roman legt nahe, dass eine Ehe ohne Bewunderung die Untreue vorbereitet. Ist die Bewunderung wirklich der Kern des Begehrens, oder eine Illusion, deren die dauerhafte Liebe zu entbehren lernt?
- Arianes Langeweile ist die einer Seele, die zu groß ist für ihr Leben. Ist diese Langeweile ein Zeichen von Adel oder eine Form von Hochmut, der das Wirkliche verweigert?
- Cohen mischt unablässig das Erhabene und das Groteske. Was gewinnt ein Roman, wenn er sich weigert, das Lachen und die Tränen zu trennen?
📚 Weiterführendes
Gustave Flaubert, Madame Bovary — Das große Vorbild der Frau, die die eheliche Langeweile in den Traum einer absoluten Liebe treibt. Emma und Ariane sind Schwestern: Beide sterben daran, mit einem Mann verheiratet zu sein, den sie nicht bewundern, beide verwechseln ihren Durst nach dem Unendlichen mit der Verheißung einer Leidenschaft.
Stendhal, Über die Liebe — Die Analyse der Bedingungen, die der Kristallisation vorausgehen, erhellt hier die Rolle der Leere: Es ist die unbeschäftigte Einbildungskraft, die müßige Seele, die sich anschickt, den ersten Besten, der der Liebe würdig erscheint, mit Gold zu schmücken.
Molière, Tartuffe — Die Satire der falschen Frömmigkeit findet in Antoinette Deume eine moderne Erbin. Molière und Cohen teilen die Kunst, unter der zur Schau gestellten Frömmigkeit das banalste soziale Kalkül zu entlarven.
Denis de Rougemont, Die Liebe und das Abendland — Rougemont zeigt, dass die Leidenschaft der Hindernisse bedarf, um zu entbrennen. Arianes mittelmäßige Ehe ist das erste dieser Hindernisse: Indem sie sich in ihr langweilt, macht sie den kommenden Brand möglich.
🔊 Audio
Lerntipp: Achten Sie beim Hören auf die Wechsel des Tons: Die Stimme wird beißend für die Satire der Deumes, ernster für die Langeweile Arianes. Auch Cohen liest sich wie eine Partitur.
✍️ Schreibübung
- Thema: Schreiben Sie eine Szene eines Familienessens, bei dem unter den harmlosen Worten und den Höflichkeiten die Langeweile oder die Verachtung eines der Gäste schwelt. Lassen Sie in 250 bis 300 Wörtern, nach Art Cohens, zwei Ebenen zugleich hörbar werden: die Komödie der Konventionen an der Oberfläche und das innere Drama, das sie verdeckt. Achten Sie auf die materiellen Einzelheiten — ein Gericht, ein Gegenstand, eine wiederholte Redensart —, denn durch sie gewinnt die Satire Fleisch. Wechseln Sie zwischen dem äußeren Blick, der die Lächerlichkeiten mit souveräner Ironie verzeichnet, und kurzen Ausflügen in das Bewusstsein Ihrer schweigenden Figur, wo ein Durst nach etwas anderem an die Oberfläche tritt. Ziehen Sie keinen Schluss: Lassen Sie das Essen ungerührt weitergehen, über der Leere, die es verhüllt.