« Er erschien, und sogleich wusste sie, dass sie verloren war, und dieser Verlust war ihr Glück. »
— Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
📖 Zusammenfassung
🥂 Schön und mächtig erobert er sie ohne Mühe.
Hier folgt das große Bravourstück, die Szene, die der ganze Roman herbeirief und fürchtete: die Verführung Arianes durch Solal. Doch diesmal verbirgt sich der Herr nicht mehr unter einer Greisenmaske. Er tritt in vollem Glanz dessen auf, was er ist — schön, jung, prächtig, umgeben vom Prestige des hohen Würdenträgers, düster wie ein Prinz aus einer Legende. 🌹 Und die Frau, die wenige Wochen zuvor den abstoßenden Greis mit Entsetzen verjagte, eben diese Frau fällt, außer sich, ohne Widerstand und fast ohne Zögern in die Arme des strahlenden Herrn. Der Beweis, den Solal von Anfang an führen wollte, vollzieht sich unerbittlich vor seinen Augen: Nicht ihn liebt man, sondern den Sieger, den mit allen Prestigen bedeckten Mann, mit denen die Natur und die Gesellschaft das triumphierende Männchen schmücken.
Cohen entfaltet hier eine beschwörende Prosa, einen prunkvollen Lyrismus, der den Rausch der erwachenden Leidenschaft selbst nachahmt. Die Sätze werden lang, wogend, beladen mit Wiederholungen und Anrufungen, als ergriffe die Sprache selbst der Schwindel. Die Verführungsszene — oft in die Atmosphäre eines Balls gesetzt, in den Glanz der Lichter und das gesellschaftliche Wirbeln — ist ein Meisterwerk der Liebesrhetorik, in dem Solal alle Register zieht: die Höhe, das Geheimnis, die geheuchelte Zärtlichkeit, die berechnete Kühnheit. Er verführt, wie man eine Schlacht schlägt, mit einer vollendeten Wissenschaft der Triebfedern des weiblichen Begehrens, und Ariane, bezwungen, ergibt sich umso schneller, als ein Teil von ihr nur darauf gewartet hat. Der Durst nach dem Absoluten, der in ihr schlief, findet endlich seinen Gegenstand; die Leere ihres mittelmäßigen Lebens füllt sich mit einem Schlag, in der Ekstase des Wiedererkennens.
Aber — und darin liegt die ganze tragische Tiefe des Romans — dieser Triumph ist für Solal eine Niederlage. Er hat seine Theorie bewiesen, und dieser Beweis nimmt ihm alles. Denn indem er sich schön und prestigereich lieben lässt, erlangt er genau das, was er nicht wollte: die Bestätigung, dass man nicht ihn liebt, sondern seine Erscheinung und seinen Rang. Der Greis, der er war, wurde verjagt; der Herr, der er ist, wird angebetet. Wo liegt der Unterschied zwischen den beiden Männern, wenn nicht in diesen äußeren Attributen — der glatten Haut, dem hohen Wuchs, der Macht —, die mit der Seele nichts zu tun haben? Sein Sieg ist der glänzende Beweis, dass Arianes Liebe für sein wahres Wesen blind ist. So verdoppelt sich seine Ekstase sogleich mit einem Ekel, mit einer geheimen Bitterkeit, die den Triumph in dem Augenblick vergiftet, in dem er sich vollzieht. Er hält Ariane, und er weiß bereits, dass er nur einen weiteren Beweis seiner Einsamkeit hält. 💔
Hier trifft Cohen auf seine fulminante Weise die stendhalsche Analyse der Kristallisation — aber um sie in Gift zu verkehren. Ariane schmückt Solal mit allen Vollkommenheiten, sie sieht in ihm den absoluten Helden, den zu ihr herabgestiegenen Gott; und Solal, bis zur Qual hellsichtig, betrachtet dieses Idol, das er in ihren Augen geworden ist, und weiß, dass es keinerlei Bezug zu ihm hat. Er wird als Mythos geliebt, nicht als Mensch. Arianes Leidenschaft ist ungeheuer und aufrichtig — Cohen macht sie nie lächerlich, er malt sie in ihrer ganzen zitternden Erhabenheit —, doch sie beruht auf einer Verkennung. Sie liebt, was Solal darstellt, sie hat keine Vorstellung davon, was er ist: dieser Verzweifelte, dieser Empörer, dieses verwundete Kind, das arm, alt und hässlich geliebt werden möchte. Das Missverständnis liegt im Herzen der schönsten aller Leidenschaften.
Aus dieser Szene entsteht dennoch etwas, das die Theorie nicht vorgesehen hatte: eine absolute Leidenschaft, verzehrend, wirklich, die die beiden Liebenden weit über alle Berechnungen hinausreißen wird. Denn wenn Solal Ariane verführt hat, um einen Lehrsatz zu beweisen, so gerät er in die eigene Falle. Auch er liebt sie, mit der ganzen Gewalt eines Mannes, der ihm nie zuvor eine Ebenbürtige an Schönheit noch an Durst nach dem Absoluten begegnet ist. Das kühle Experiment verwandelt sich in einen Brand. Der Verführer wird zum Liebenden, der Beweisführende wird zum Opfer, und die Hellsicht, weit davon entfernt, ihn zu schützen, wird sein kommendes Leiden nur schärfen. Er weiß alles, und er liebt dennoch: das ist der tragische Knoten. Seine Wissenschaft von der Liebe rettet ihn nicht vor der Liebe; sie verurteilt ihn nur, wissentlich zu leiden.
Der Leser, hingerissen von der Schönheit der Schreibweise, vergäße beinahe die Warnung, die der Roman schon in der Eröffnung gesät hat. Diese erhabene Leidenschaft trägt in ihrem Aufblühen selbst den Keim ihres Todes. Sie ist aus einer Faszination geboren — der Schönheit, dem Prestige, dem Hindernis von Arianes Ehe —, und alles, was aus der Faszination geboren wird, ist dazu verurteilt zu verblassen, sobald die Faszination sich abstumpft. Was so rasch entflammt, wird erlöschen; was auf der Bewunderung ruht, wird sterben, wenn die Bewunderung der Gewohnheit weicht. Cohen lässt uns den Gipfelpunkt der Leidenschaft erleben und flüstert uns zugleich ins Ohr, dass ein solcher Gipfel immer nur der Beginn eines Niedergangs ist. Die große Verführung ist ein Gipfel 🌅 — und von einem Gipfel aus kann man nur hinabsteigen. ✨
Wenn dieser Bogen sich schließt, sind die beiden Wesen durch eine Liebe verbunden, die sich für ewig hält und die der Roman als sterblich kennt. Ariane ist bereit, alles zu verlassen — ihren Mann, ihre Welt, ihre Ehrbarkeit — für diesen Mann, der sie endlich existieren lässt. Solal, erfüllt und schon verzweifelt, zieht sie einem Glück entgegen, das er als ohne Zukunft ahnt. Die Leidenschaft triumphiert; und in diesem Triumph selbst vernimmt das aufmerksame Ohr, wie eine tiefe Note unter der strahlenden Melodie, die Ankündigung des Endes. Von nun an wird man diese Liebe leben müssen — und indem man sie lebt, wird man langsam entdecken, dass eine Liebe, die nur sich selbst zum Gegenstand hat, sich am Ende immer selbst verzehrt.
💭 Reflexion & Diskussion
- Ariane verjagt den Greis und betet den Herrn an: Es ist derselbe Mann. Was genau beweist diese Szene, und ist der Beweis so vernichtend, wie Solal glaubt?
- Solals Triumph ist zugleich eine Niederlage. Kann man je gewiss sein, „um seiner selbst willen“ geliebt zu werden, oder ist diese Forderung widersprüchlich?
- Cohen malt Arianes Leidenschaft als erhaben und aufrichtig und gründet sie zugleich auf ein Missverständnis. Kann eine Leidenschaft zugleich wahr und auf einer Verkennung des anderen gegründet sein?
- Solal, der verführte, um zu beweisen, gerät in die eigene Falle und liebt wirklich. Schützt die Hellsicht je davor, sich zu verlieben?
- Der Roman legt nahe, dass alles, was aus der Faszination geboren wird, zum Verblassen verurteilt ist. Stimmen Sie zu? Kann eine Liebe ohne einen Anteil an Faszination dauern?
- „Von einem Gipfel aus kann man nur hinabsteigen.“ Gilt dieses Gesetz für die Leidenschaft? Gibt es Lieben, die der Logik von Gipfel und Niedergang entkommen?
📚 Weiterführendes
Stendhal, Über die Liebe — Der Begriff der „Kristallisation“ steht hier im Zentrum von allem: Ariane bedeckt Solal mit eingebildeten Vollkommenheiten, wie der Zweig sich mit Diamanten überzieht. Cohen aber fügt den Blick des Verführers hinzu, der trostlos sein eigenes Idol betrachtet.
Denis de Rougemont, Die Liebe und das Abendland — Die Leidenschaft entflammt am Hindernis (Arianes Ehe) und zielt ohne ihr Wissen nicht auf das Glück, sondern auf die Intensität. Rougemont benennt das Paradox, das Solal erfährt: Die Leidenschaft liebt die Liebe mehr als das geliebte Wesen.
Platon, Das Gastmahl — Die Rede des Aristophanes über die getrennten Hälften und die der Diotima über die Leiter des Schönen geben dieser „großen Verführung“ ihren philosophischen Hintergrund: Was sucht man wirklich im prächtigen Körper des anderen?
Sören Kierkegaard, Das Tagebuch des Verführers — Das Porträt eines Verführers, der die Eroberung zu einem Werk des Geistes macht und für den der Besitz das Begehren zerstört, bildet einen verstörenden Spiegel des Solal dieser Szene.
🔊 Audio
Lerntipp: Lassen Sie sich vom beschwörenden Rhythmus der Prosa tragen; lesen Sie dann noch einmal und suchen Sie unter dem Rausch die kurzen Noten der Hellsicht, die den Niedergang schon ankündigen.
✍️ Schreibübung
- Thema: Schreiben Sie in 250 bis 300 Wörtern eine Szene der Liebe auf den ersten Blick — aber geben Sie zwischendurch Zugang zum geheimen Bewusstsein dessen, der verführt und schon weiß, dass dieser Triumph ihn unbefriedigt lassen wird. Lassen Sie den Rausch des einen und die bittere Hellsicht des anderen nebeneinander bestehen. Suchen Sie für die erwachende Leidenschaft eine weit ausholende, rhythmische, fast musikalische Prosa nach Art des Lyrismus Cohens; und für das Bewusstsein des Verführers kurze, trockenere Einschübe, in denen die Ernüchterung durchbricht. Der Kontrast zwischen diesen beiden Stimmen — der Verzückung und der Desillusion — wird die ganze Tiefe Ihres Textes ausmachen. Halten Sie die sinnliche Szene in den Grenzen des Takts: Deuten Sie die Erregung der Körper an, malen Sie sie nicht grob aus.