« Um ein Feuer wieder zu entfachen, das erlosch, verwundeten sie sich; und aus ihren Wunden sprang, einen Augenblick lang, die Illusion der Flamme. »
— Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
📖 Zusammenfassung
🥀 Die der Welt beraubte Liebe verschleißt: Langeweile, Eifersucht, Komödien.
Was der vorige Bogen ahnen ließ, verwirklicht sich hier ohne Erbarmen: Die Mechanik der Leidenschaft stockt, und der Roman tritt in seine dunkelste, hellsichtigste, grausamste Phase ein. Die im geschlossenen Raum der Liebenden eingenistete Langeweile bleibt nicht lange stumm; sie erzeugt ihre eigenen Gifte — den Verschleiß, die Eifersucht, die wechselseitige Folter. 💔 Solal und Ariane, die ihre Liebe zerfallen fühlen, ergeben sich nicht; sie kämpfen, verzweifelt, um eine sinkende Flamme neu zu beleben. Doch die Mittel, die sie einsetzen, sind eben jene, die sie vollends verzehren. Cohen entfaltet hier mit der Schärfe eines Moralisten die Anatomie des Verfalls einer der Luft beraubten Leidenschaft.
Das erste dieser Gifte ist die Eifersucht. In Ermangelung spontanen Begehrens gewahren die Liebenden, dass die Eifersucht immerhin noch Emotion erzeugt, Feuer, Intensität. Also spielen sie mit ihr — zunächst wider Willen, dann fast absichtlich. Solal erfindet Rivalen, bespäht bei Ariane die Erinnerung an einen anderen, foltert sie mit Fragen nach ihrer Vergangenheit; Ariane ihrerseits lernt zu sticheln, zu beunruhigen, den Verdacht zu wecken. Die Eifersucht wird zu einem Aufputschmittel, das man sich verabreicht, um noch etwas zu fühlen. Was der Beweis der Liebe sein sollte, ist nur noch ihre Krücke: Man leidet, um sich zu überzeugen, dass man liebt, man zerreißt sich, um zu prüfen, ob man noch aneinander hängt. Der Schmerz wird zur letzten Sprache eines erlöschenden Begehrens. 🥀
Zur Eifersucht treten die Komödien — jene Inszenierungen, mit denen die Liebenden versuchen, die Verführung des ersten Tages neu aufzuführen. Sie verkleiden sich, wechseln das Dekor, erfinden sich Rollen, spielen die Begegnung, die Eroberung, die Kapitulation vor, in der Hoffnung, durch den Kunstgriff die Emotion wiederzufinden, die am Anfang natürlich hervorquoll. Doch die Wiederholung eines Wunders ist immer nur ein Trugbild. Diese Spiele, zunächst rührend, werden schneidend, dann erbärmlich: Je mehr die Liebenden sich mühen, die Leidenschaft neu zu beleben, desto mehr ermessen sie ihr Erlöschen. Jeder Versuch, das Erhabene wiederzufinden, unterstreicht seine Abwesenheit. Cohen zeigt, ohne Gefallen daran, aber ohne Verachtung, dieses erschütternde Schauspiel: zwei intelligente und aufrichtige Wesen, die sich abmühen, das Unwiederbringliche zu flicken, und ihre Liebe in eine mühselige Arbeit verwandeln.
Die große Wiederkehrende dieses Bogens ist die Hellsicht Solals. Eine Zeitlang im Rausch der Leidenschaft ertränkt, taucht sie wieder auf, gräßlicher als je zuvor, denn sie richtet sich nun auf seine eigene Liebe. Solal sieht alles: Er sieht den Verschleiß, er sieht die Kunstgriffe, er sieht, dass seine Theorie vom ersten Tag richtig war, schrecklich richtig. Er hatte angekündigt, dass die Leidenschaft nur eine vom Prestige ausgelöste und zum Verschleiß bestimmte Mechanik sei; und nun bestätigt er es an sich selbst, an dieser Liebe, die er doch für einzig hielt. Diese Hellsicht rettet ihn nicht — sie martert ihn. Zu wissen, dass man nicht mehr liebt wie einst, zu wissen warum, zu wissen, dass es unvermeidlich war, und dennoch weiterzulieben, oder lieben zu wollen: das ist die Marter Solals, grausamer als jede Unwissenheit. Der Hellsehende leidet doppelt: an seinem Unglück und daran, es zu begreifen.
Man muss ermessen, was dieser Bogen im Haushalt des Romans vollbringt. Cohen führt hier tatsächlich die schon in der Greisenszene angekündigte These vor: Die Liebesleidenschaft, der Welt, des Hindernisses und des Mangels beraubt, kann nur verderben. Sie trägt ihren Tod in sich. Was sie hervorgebracht hatte — die Faszination, das Prestige, das Begehren des Unerreichbaren — erschöpft sich notwendig, und nichts in der reinen Leidenschaft tritt an seine Stelle. Wo eine andere Liebe sich gewandelt, in Zärtlichkeit, in Vertrautheit, in friedvolles Einvernehmen vertieft hätte, kennt die Leidenschaft nur den Gipfel und den Fall. Sie versteht nicht zu altern. Aufgefordert zu dauern, kann sie sich nur verkleiden, sich foltern, ihre eigene Jugend nachäffen — bis zur Erschöpfung. 🍂
Und dennoch verweigert Cohen einmal mehr die Leichtigkeit des Spotts. Er lacht nicht über seine Liebenden; er bemitleidet sie und lässt uns sie bemitleiden. Denn ihre Verbissenheit, ihre Liebe zu retten, so vergeblich sie auch sei, hat etwas Erschütterndes. Sie fühlen, dass es etwas anderes gebraucht hätte — eine demütigere, zärtlichere, geduldigere Art, sich zu lieben —, doch sie wissen den Zugang dazu nicht zu finden oder verweigern ihn, gefangen in der erhabenen Vorstellung, die sie sich von ihrer Leidenschaft gemacht haben. Sie ziehen es vor, sich auf dem Gipfel zu zerreißen, statt sich in der Ebene zu beruhigen. In dieser Hartnäckigkeit liegt eine tragische Größe: Sie sterben aus Treue zu einem Liebesideal, das gerade die Liebe unlebbar macht. Der Roman beweint in ihnen nicht die Leidenschaft, die sich verschleißt — das war unabwendbar —, sondern die Zärtlichkeit, die sie nicht zu erfinden wussten, nicht erfinden wollten.
Wenn dieser Bogen sich schließt, sind die Liebenden am Ende. Der Verschleiß hat sein Werk getan; die Eifersucht hat sie erschöpft; die Komödien haben ihre Vergeblichkeit gezeigt; Solals Hellsicht hat alles in ein unerträgliches Licht getaucht. Sie lieben sich noch — darin liegt die ganze Grauenhaftigkeit ihrer Lage —, doch sie wissen nicht mehr wie, noch warum es so weh tut. Das Feuer, das sie geeint hatte, wärmt sie nicht mehr: Es verbrennt sie nur noch. Und man ahnt, dass dieses ausweglose Leiden, diese Unmöglichkeit, die Liebe zu leben, und die Unmöglichkeit, ihr zu entsagen, nur zu einem Ende führen kann. Cohen hat seine Liebenden mit unerbittlicher Strenge an den Rand des Abgrunds geführt; es bleibt nur noch, mit Würde den Schluss seiner furchtbaren Beweisführung einzusammeln. 🕯️
💭 Reflexion & Diskussion
- Die Liebenden machen sich eifersüchtig, um die Emotion neu zu beleben. Ist die Eifersucht ein Beweis der Liebe oder ein Geständnis, dass das Begehren erlischt?
- Die Verführung des ersten Tages neu aufführen: Erscheint Ihnen dieser Versuch, die verlorene Emotion wiederzufinden, rührend, lächerlich oder beides? Kann man einen Anfang wiederholen?
- Solals Hellsicht lässt ihn mehr leiden, als sie ihn schützt. Ist es besser, sein Unglück zu begreifen oder es zu ignorieren? Ist die Hellsicht eine Gabe oder ein Fluch?
- Cohen behauptet, die Leidenschaft „versteht nicht zu altern“. Was in einer Liebe erlaubt ihr zu dauern? Kann man diese Fähigkeit kultivieren, oder ist sie Sache der Natur?
- Der Roman beweint die Zärtlichkeit, die die Liebenden nicht zu erfinden wussten. Warum ist es so schwer, von der Leidenschaft zur Zärtlichkeit überzugehen? Was verlangt dieser Übergang?
- Die Liebenden ziehen es vor, sich auf dem Gipfel zu zerreißen, statt sich in der Ebene zu beruhigen. Liegt Größe in dieser Weigerung oder nur ein Hochmut, der sich selbst verurteilt?
📚 Weiterführendes
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Eine Liebe Swanns, Die Gefangene) — Der große Analytiker der Eifersucht als Motor und Gift der Liebe. Swann, dann der Erzähler, zeigen, wie der Verdacht ein sterbendes Begehren neu belebt und in eine Marter verwandelt: Proust und Cohen sind hier Brüder an hellsichtiger Grausamkeit.
Denis de Rougemont, Die Liebe und das Abendland — Die Leidenschaft, eines wirklichen Hindernisses beraubt, fabriziert sich künstliche (Eifersucht, Inszenierungen), um zu überleben. Rougemont erhellt diese Flucht nach vorn, in der die Liebe sich foltert, um sich zu beweisen.
Stendhal, Über die Liebe — Das Kapitel über die Eifersucht und jenes über die „Heilmittel der Liebe“ bieten eine genaue Anatomie der Mechanismen, die Cohen dramatisiert: wie der Zweifel die Kristallisation nährt und wie die Gewohnheit sie auflöst.
Jean Racine, Andromache und Phädra — Die klassische Tragödie der Leidenschaft, die die zerstört, die sie besitzt. Racine zeigt, wie Cohen, Wesen, die sich ihrer Verirrung bewusst und dennoch unfähig sind, ihr zu entkommen: Die Hellsicht entwaffnet dort niemals das Begehren.
🔊 Audio
Lerntipp: Nehmen Sie beim Hören die Verhärtung des Tons wahr: Der Lyrismus der Anfänge wird herber, fast schneidend. Der Stil vermählt sich mit dem Verschleiß, den er beschreibt.
✍️ Schreibübung
- Thema: Schreiben Sie in 250 bis 300 Wörtern eine Szene der Eifersucht oder des Streits zwischen zwei Liebenden, in der man unter den Vorwürfen begreift, dass sie sich verwunden, um noch zu spüren, dass sie sich lieben. Lassen Sie hinter der Gewalt die Not eines erlöschenden Begehrens durchscheinen. Suchen Sie die Ambivalenz der Gefühle wiederzugeben: den Zorn, der auch ein Ruf ist, die Grausamkeit, die auch eine umgekehrte Liebkosung ist, das Bedürfnis wehzutun als letztes Mittel, den anderen zu berühren. Meiden Sie das Melodram; arbeiten Sie vielmehr die Halbtöne heraus, die entgleisenden Worte, die lastenden Schweigen. Schließen Sie auf einer prekären Beruhigung, einem Waffenstillstand, der niemanden täuscht — am wenigsten die, die ihn schließen.