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Niveau des mots :

« Sie hatten das Meer, die Sonne und die Liebe; es fehlte ihnen nur die Welt, die sie geflohen waren. »
— Albert Cohen, Die Schöne des Herrn


📖 Zusammenfassung

Das Exil zu zweit

🌊 Allein auf der Welt an der Riviera — und die Leidenschaft wird zum Ritual.

Um ihre Leidenschaft fern von allen Blicken zu leben, reisen Solal und Ariane an die Côte d'Azur 🌊. Sie ziehen in schöne Hotels der Riviera, nahe Agay, zwischen dem blauen Meer und den Pinien. Die Kulisse ist herrlich. Endlich sind sie allein auf der Welt, frei, ohne Zeugen. Es ist der Traum, den sie sich erdacht hatten: eine reine Liebe, ohne Hindernis, ohne Gesellschaft 🥂.

Doch dieser Traum wird nach und nach zur Falle. Fern von allem haben die Liebenden nichts mehr zu tun, als sich zu lieben. Sie haben keine Arbeit, keine Freunde, keine Pläne, keinen gemeinsamen Alltag. Es bleibt ihnen nur ihre Liebe zu betrachten, von morgens bis abends. Eine Liebe aber, die nur noch sich selbst anzuschauen hat, beginnt schließlich, sich im Kreis zu drehen 🕰️.

Ohne Hindernisse verliert die Leidenschaft ihre Kraft. Denn die Leidenschaft nährt sich vom Begehren, und das Begehren braucht Abstand, Verbot, Mangel. Wenn sie eng aneinandergeschmiegt leben, haben die Liebenden nichts mehr zu erobern. So verwandelt sich ihre Liebe in Rituale: dieselben zärtlichen Gesten, dieselben erhabenen Worte, jeden Tag wiederholt wie ein auswendig gelerntes Gebet.

Um gegen die Leere zu kämpfen, erfinden sie Spiele. Sie spielen einander Theater vor, verkleiden sich, denken sich Szenen aus, spielen ihre erste Begegnung nach. All das, um eine Rührung neu zu entfachen, die insgeheim zu verblassen beginnt. Eine gewaltige Langeweile nistet sich ein, die sie sorgfältig verbergen, weil jeder fürchtet, sie im anderen zu sehen 🍂.

Gerade die Schönheit ihrer Abgeschiedenheit wird zum Gefängnis. Der Luxus der Hotels, die Sanftheit des Meeres, die Vollkommenheit ihrer Tage: All das rettet sie nicht, im Gegenteil. Sie sind Gefangene ihres eigenen Paradieses. Sie wünschten, ein Ereignis geschähe, jemand käme, das Leben träte endlich ein — doch sie selbst haben die Tür geschlossen.

Cohen führt hier, mit einer herrlichen Traurigkeit, seinen großen Gedanken vor. Die Leidenschaft, wenn sie alles erhält, was sie wollte — die Zweisamkeit, die Abwesenheit der Welt —, beginnt an ihrem eigenen Triumph zu sterben. Was ihr fehlt, ist nicht Schönheit noch Vergnügen: Es ist der Alltag, die geteilte Zärtlichkeit, die tausend kleinen gewöhnlichen Dinge, die eine wahre Liebe dauern lassen.

Die Liebenden spüren dunkel, dass etwas nicht mehr stimmt. Sie lieben sich noch, aber sie beginnen, einander überdrüssig zu werden, ohne es sich einzugestehen. Jeder Tag gleicht dem vorigen. Das Paradies verwandelt sich, ohne es zu wissen, langsam in eine Öde 🌙. Das Exil zu zweit, das ihre Liebe retten sollte, bereitet leise ihr Ende vor.


🔤 Wortschatz

WortBedeutung
der Zeugewer etwas beobachtet, ein Zuschauer
die Falleeine Vorrichtung, die jemanden fängt
betrachtenlange und aufmerksam ansehen
das Hinderniseine Schwierigkeit, die man überwinden muss
das Begehrendas starke Verlangen
der Mangeldas Fehlen von etwas
aneinandergeschmiegteng zusammengedrängt
entfachenein Feuer (oder Gefühl) neu entzünden
verblassenschwächer, blasser werden
die Langeweiledas quälende Gefühl leerer, öder Zeit
die Abgeschiedenheitein verschlossener, von der Welt getrennter Ort
geschehenpassieren, sich ereignen
der Alltagdas gewöhnliche tägliche Leben
überdrüssig werdenanfangen, etwas satt zu haben

💬 Ausdrücke & Redewendungen

AusdruckBedeutung
„allein auf der Welt"ganz für sich, ohne die anderen
„sich im Kreis drehen"nicht vorankommen, stehen bleiben
„jemandem Theater vorspielen"etwas vortäuschen, eine Rolle spielen
„etwas auswendig lernen"Wort für Wort im Gedächtnis behalten
„ein Paradies, das zum Gefängnis wird"wenn Vollkommenheit erdrückend wird

🧠 Grammatik — Konjunktiv II unregelmäßiger Verben (käme, ginge, bliebe)

Viele starke Verben bilden einen eigenen Konjunktiv II aus dem Präteritum + Umlaut. Diese kurzen Formen klingen gehoben und drücken Wünsche oder Unwirkliches aus.

InfinitivPräteritumKonjunktiv II
kommenkamer käme
gehenginger ginge
bleibenbliebes bliebe
geschehengeschahes geschähe

Beispiele aus der Zusammenfassung:
- Sie wünschten, jemand käme. (Wunsch)
- Sie wünschten, ein Ereignis geschähe. (Wunsch)
- … dass das Leben endlich einträte. (Wunsch)

💡 Tipp: Im Alltag ersetzt man seltene Formen oft durch „würde + Infinitiv" (würde kommen). Gebräuchliche Kurzformen wie käme, ginge, bliebe, wäre, hätte klingen aber eleganter und werden gern beibehalten.


📝 Glossar

  • betrachten: lange und mit Aufmerksamkeit ansehen
  • das Ritual: eine Reihe von Gesten, die immer gleich wiederholt werden
  • die Langeweile: das quälende Gefühl leerer, sinnloser Zeit
  • die Abgeschiedenheit: ein geschlossener Ort, von der Welt abgetrennt
  • überdrüssig werden: anfangen, langweilig zu finden, was man einst liebte

🔊 Audio

▶️ Kapitel 6 anhören — B1

Tipp: Suche im Text die Konjunktiv-II-Formen „geschähe, käme, träte". Beachte, dass sie alle einen Wunsch nach Leben und Welt ausdrücken — genau das, was die Liebenden verloren haben.


✍️ Übungen

1. Richtig oder falsch?

  1. Die Liebenden ziehen an die Côte d'Azur.
  2. Sie haben viele Pläne und Freunde um sich.
  3. Ihre Liebe verwandelt sich nach und nach in Rituale.
  4. Ihr Paradies wird zu einer Art Gefängnis.

2. Setze in den Konjunktiv II

  1. Sie wünschten, ein Ereignis (geschehen).
  2. Sie wünschten, jemand (kommen), um sie zu besuchen.
  3. Ariane wünschte, das Leben (eintreten).
  4. Solal wünschte, alles (gehen) besser.

3. Indikativ oder Konjunktiv II?

  1. Solal stellt fest, dass die Langeweile (kommt / käme). (Tatsache)
  2. Sie wünschten, dass nichts Schlimmes (geschieht / geschähe).
  3. Ariane weiß, dass ein Freund bald (kommt / käme).
  4. Ariane wünschte, ein Freund (kommt / käme) bald.

4. Schreibübung

  1. Stell dir in 4–5 Sätzen perfekte Ferien vor, die nach und nach langweilig werden. Sag, was du dir wünschtest, damit die Langeweile endet. Verwende mindestens zwei Konjunktiv-II-Formen (ich wünschte, es käme…; es geschähe…).