« Es ist weit schwieriger, sich selbst zu richten, als andere zu richten. »
— Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
📖 Zusammenfassung
👑 Von Planet zu Planet: ein König ohne Untertanen, ein Eitler, ein Säufer.
Nachdem er seinen Planeten verlassen hatte, machte sich der kleine Prinz auf, die benachbarten Asteroiden 🌑 zu besuchen — ebenso, um zu lernen, wie um eine Beschäftigung zu finden. Auf jedem lebte ein Erwachsener, dessen Verhalten, ins Extreme getrieben, einen Fehler der menschlichen Seele offenbarte. Diese Begegnungen, mal komisch, mal traurig, halfen ihm, die Absurdität der Erwachsenenwelt besser zu verstehen.
Auf dem ersten Planeten herrschte ein König 👑 in Purpur und Hermelin. Er behauptete, über das ganze Weltall zu gebieten. Doch um Gehorsam zu finden, gab er nur Befehle, die sich ohnehin schon erfüllten. Der kleine Prinz begriff, dass ein wahrer König nichts Unmögliches verlangen darf: Befähle er der Sonne, mittags unterzugehen 🌅, so gehorchte ihm niemand. „Die Autorität", erklärte der König, „beruht zuerst auf der Vernunft." Er hätte den kleinen Prinzen gern als Minister behalten, doch das Kind, schon überdrüssig, zog es vor weiterzureisen.
Auf dem zweiten Planeten wohnte ein Eitler, der in den anderen nur Bewunderer sah. Er bat den kleinen Prinzen, ihm zu applaudieren, und dann immer wieder von vorn. „Wenn du mir wirklich eine Freude machen wolltest", sagte er, „würdest du meine Schönheit den ganzen Tag bejubeln." Doch das Kind wurde eines so leeren Spiels rasch müde und reiste weiter.
Der dritte Planet gehörte einem Säufer, umgeben von leeren und vollen Flaschen. Auf die Frage des Prinzen gestand er, er trinke, um seine Scham zu vergessen — die Scham, dass er trinke. Dieser Kreisschluss stürzte das Kind in tiefe Ratlosigkeit. Es hätte ihn gern getröstet, doch wie könnte man jemandem helfen, der sich so ins Unglück flüchtet? Es ging fort, verwirrter als je zuvor.
Der vierte Planet gehörte einem Geschäftsmann, der, ohne aufzublicken, die Sterne ⭐ zählte und wieder zählte. Er beanspruchte, sie alle zu besitzen, weil er als Erster an sie gedacht habe. „Wozu nützt es dir, die Sterne zu besitzen?", fragte der kleine Prinz. „Um reich zu werden und weitere Sterne zu kaufen." Das Kind fand diesen Gedanken absurd: Es selbst besaß eine Blume 🌹, die es begoss, und drei Vulkane, die es fegte — es war ihnen also nützlich. Aber Sterne zu besitzen, ohne sich um sie zu kümmern, nützte niemandem.
Von Planet zu Planet zog der kleine Prinz denselben Schluss: Die großen Leute jagten nach Macht, Eitelkeit, Vergessen oder Reichtum, ohne sich zu fragen, was ihrem Leben eigentlich einen Sinn gab. Hätten sie mit dem Herzen sehen können, dachte er, so lebten sie ganz anders.
🔤 Wortschatz
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| das Verhalten | die Art, wie sich jemand benimmt |
| die Seele | das innere, geistige Wesen des Menschen |
| herrschen | als König regieren |
| behaupten | etwas fest sagen (oft ohne Beweis) |
| der Befehl | ein Auftrag, den man befolgen muss |
| gehorchen | tun, was befohlen wird |
| überdrüssig | einer Sache müde, gelangweilt |
| der Eitle | wer zu stolz auf sich ist und Bewunderung sucht |
| bejubeln | mit Begeisterung applaudieren |
| der Säufer | wer zu viel Alkohol trinkt |
| die Scham | ein peinliches Gefühl von Schuld |
| verwirrt | durcheinander, ratlos |
| besitzen | als Eigentum haben |
| fegen | den Schmutz aus etwas entfernen (hier: einen Vulkan) |
💬 Ausdrücke & Redewendungen
| Ausdruck | Bedeutung |
|---|---|
| etwas ins Extreme treiben | einen Zug bis zur Absurdität übertreiben |
| wozu nützt das? | was ist der Sinn, der Nutzen davon? |
| ein Kreisschluss | ein Argument, das sich um sich selbst dreht |
| weiterreisen | die Reise fortsetzen |
| dem Leben einen Sinn geben | herausfinden, was das Dasein wichtig macht |
🧠 Grammatik — Der Konjunktiv II als Bedingung (irreale Sätze)
Um zu sagen, was unter einer Bedingung geschehen würde, verbindet man einen wenn-Satz im Konjunktiv II mit einem Hauptsatz (oft mit würde). Der Fall ist irreal — er trifft gerade nicht zu.
| Bedingung (wenn) | Folge |
|---|---|
| Wenn er es verlangte, … | … gehorchte ihm niemand. |
| Wenn du mich liebtest, … | … würdest du mich loben. |
| Wenn sie mit dem Herzen sähen, … | … lebten sie anders. |
Beispiele aus der Zusammenfassung:
- Gehorchte ihm niemand, wenn er das Unmögliche befähle. (irreal)
- Wenn du mir eine Freude machen wolltest, würdest du mich bejubeln. (Bedingung)
- Hätten sie mit dem Herzen sehen können, lebten sie anders. (Vergangenheit)
💡 Tipp: Nach wenn steht nie das würde-Wort im gepflegten Stil: nicht „wenn ich helfen würde", sondern besser „wenn ich hälfe" oder „könnte". Das würde gehört in den Hauptsatz.
✍️ Übungen
2. Ordne jeder Figur ihren Fehler zu
| Figur | Fehler |
|---|---|
| a) Der König | 1. Die Eitelkeit |
| b) Der Eitle | 2. Die Flucht in den Alkohol |
| c) Der Säufer | 3. Die Gier nach Besitz |
| d) Der Geschäftsmann | 4. Die Machtgier |
Lösungen: a-4, b-1, c-2, d-3
📝 Glossar
- der König: der Monarch, der alles zu regieren glaubt, aber nur das Vernünftige befehlen kann
- der Eitle: wer in den anderen nur einen Spiegel des eigenen Ruhms sucht
- der Säufer: der Mann, der trinkt, um eine Scham zu vergessen, die das Trinken nährt
- der Geschäftsmann: wer anhäuft, ohne sich je um seinen Besitz zu kümmern
- der Fehler (Zug): eine menschliche Schwäche, die jede Figur bis zum Übermaß verkörpert
🔊 Audio
Tipp: Suche beim Hören die Sätze mit „wenn …". Beachte das Paar Konjunktiv II im wenn-Satz und würde/Konjunktiv im Hauptsatz — das ist der Schlüssel zur irrealen Bedingung.
✍️ Übungen
1. Setze in den Konjunktiv II (irreal)
- Wenn der König weise (sein) , verlangte er nichts Unmögliches.
- Der Eitle (mögen) es, ständig bewundert zu werden.
- Wenn sie mit dem Herzen sähen, (sehen) sie das Wesentliche.
2. Höflichkeit: formuliere mit Konjunktiv II
- Ich will ein Glas Wasser. → Ich ein Glas Wasser.
- Kannst du mir helfen? → du mir helfen?
3. Schreibübung
- Der kleine Prinz findet die großen Leute seltsam. Erfinde in 4–5 Sätzen einen fünften Planeten und seinen Bewohner, der einen modernen Fehler verkörpert (zum Beispiel die Sucht nach dem Bildschirm). Verwende mindestens zwei Konjunktiv-II-Formen.