« Ich muss wohl zwei oder drei Raupen ertragen, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will. »
— Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
📖 Zusammenfassung
🌹 Eine einzige Blume, eitel und zerbrechlich, die er lieben lernt.
Am fünften Tag, während der Erzähler mit einer widerspenstigen Schraube seines Motors kämpfte, kam der kleine Prinz auf seine beharrliche Frage zurück: Fressen Schafe die Blumen, sogar jene mit Dornen? 🐑 Genervt antwortete der Flieger zerstreut, die Dornen seien zu nichts nütze. Sofort empörte sich das Kind. Es konnte nicht ertragen, dass man die Zerbrechlichkeit der Blumen so verachte. „Wenn jemand eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal unter Millionen Sternen ⭐ gibt", sagte er, „genügt es, sie anzusehen, um glücklich zu sein." Da begriff der Erzähler, dass er seine Reparatur unterbrechen und den Freund trösten musste: An jenem Tag war nicht der Motor das Wesentliche, sondern der Kummer eines Kindes.
Nach und nach erzählte der kleine Prinz die Geschichte seiner Blume. Ein geheimnisvoller Samen, von irgendwoher gekommen, war auf seinem Planeten gekeimt. Die Rose 🌹, kokett und anspruchsvoll, hatte lange gebraucht, um ihre Schönheit vorzubereiten. Kaum erschienen, verlangte sie ständige Pflege: Sie klagte über Zugluft, forderte abends einen Wandschirm und nachts eine Glasglocke. Obwohl sie hochmütig und manchmal verlogen war, liebte der kleine Prinz sie aufrichtig. Er wollte, dass sie vor der Kälte geschützt sei und niemals leide.
Doch die Launen der Rose verwirrten das Kind. Sie verlangte so viel Aufmerksamkeit, dass er nicht mehr wusste, ob er ihr glauben sollte. „Ich war zu jung, um sie lieben zu können", gestand er später. Er hätte die Blume nach ihren Taten beurteilen sollen, nicht nach ihren Worten, denn hinter ihren Launen verbarg sich eine ungeschickte Zärtlichkeit. Weil er diese verdeckte Sprache nicht verstand, beschloss der kleine Prinz eines Morgens, seinen Planeten zu verlassen.
Vor der Abreise ging er noch einmal durch seine kleine Welt. Sorgsam fegte er seine Vulkane, riss die letzten Triebe der Affenbrotbäume 🌵 aus und goss seine Rose 💧. Beim Abschied gestand die Blume, die sich nicht schwach zeigen wollte, endlich, dass sie ihn liebte — doch zu spät und so ungeschickt, dass er tief erschüttert war. Sie bat ihn, die Glasglocke wegzulassen: Sie wollte dem Wind und den Tieren allein begegnen. „Ich muss wohl ein paar Raupen ertragen, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will", sagte sie mutig.
Der kleine Prinz ging fort, mit schwerem Herzen. Er würde viel reisen müssen, um erst viel später zu begreifen, dass seine Rose einzig auf der Welt war — nicht weil sie allen anderen glich, sondern weil er sich Zeit genommen hatte, sie zu lieben. Dieses erste, noch unvollkommene Zähmen kündigte schon die große Lehre des Fuchses an.
🔤 Wortschatz
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| widerspenstig | wer sich sträubt, sich nicht fügen will |
| die Schraube | ein Metallteil zum Befestigen |
| zerstreut | unaufmerksam, mit den Gedanken woanders |
| sich empören | mit Entrüstung reagieren, sich auflehnen |
| verachten | mit Geringschätzung behandeln |
| keimen | zu wachsen beginnen (bei einem Samen) |
| kokett | wer gefallen will, auf sein Äußeres achtet |
| anspruchsvoll | wer viel verlangt, schwer zufriedenzustellen |
| die Zugluft | ein kalter Luftzug in einem Raum |
| hochmütig | zu stolz, voller Selbstgefälligkeit |
| die Laune | ein plötzlicher, unvernünftiger Wunsch |
| ungeschickt | ohne Geschick, unbeholfen |
| erschüttert | tief bewegt, aufgewühlt |
| die Zärtlichkeit | ein Gefühl sanfter Zuneigung |
| die Raupe | die Larve, aus der ein Schmetterling wird |
💬 Ausdrücke & Redewendungen
| Ausdruck | Bedeutung |
|---|---|
| schweren Herzens | traurig, voller Kummer |
| etwas nach den Taten beurteilen | jemanden danach bewerten, was er tut, nicht was er sagt |
| eine verdeckte Sprache | eine indirekte Art, Dinge zu sagen |
| sich Zeit für etwas nehmen | einer Sache Aufmerksamkeit und Geduld widmen |
| Raupen ertragen, um Schmetterlinge kennenzulernen | Mühen annehmen, um Schönes zu erlangen |
🧠 Grammatik — Der Konjunktiv II (Wunsch und Höflichkeit)
Der Konjunktiv II drückt Wünsche, höfliche Bitten und Irreales aus. Man bildet ihn oft mit würde + Infinitiv oder mit den festen Formen von sein, haben und den Modalverben.
| Verb | Indikativ | Konjunktiv II |
|---|---|---|
| sein | er ist | er wäre |
| haben | er hat | er hätte |
| sollen | er soll | er sollte |
| können | er kann | er könnte |
| lieben | er liebt | er würde lieben |
Beispiele aus der Zusammenfassung:
- Er hätte die Blume nach ihren Taten beurteilen sollen. (irrealer Vorwurf)
- Er wollte, dass sie geschützt wäre. (Wunsch)
- Er war zu jung, um sie lieben zu können. (Möglichkeit)
💡 Tipp: Für die Vergangenheit nimmst du hätte/wäre + Partizip II: Er hätte sie besser verstehen sollen. Für höfliche Bitten reicht oft könnten oder würden: Könnten Sie mir helfen?
📝 Glossar
- die Rose: die einzige Blume des Prinzen, Sinnbild einer zerbrechlichen, fordernden Liebe
- zähmen: eine Bindung schaffen, sodass ein Wesen einzig für uns wird
- die Glasglocke: der Schutz, den der Prinz über die Rose stülpt, um sie warm zu halten
- die Laune: eine flüchtige Forderung, die oft ein echtes Bedürfnis nach Zuneigung verbirgt
- der Abschied: der Moment der Trennung, hier voller Rührung und Reue
🔊 Audio
Tipp: Achte beim Hören auf jedes „hätte", „wäre" und „würde". Frag dich, ob ein Wunsch, eine Höflichkeit oder etwas Irreales ausgedrückt wird — das ist die beste Übung für den Konjunktiv II.
✍️ Übungen
1. Setze in den Konjunktiv II
- Er (sollen) die Rose nach ihren Taten beurteilen.
- Die Rose wünscht, dass sie geschützt (sein) .
- (Können) du mir bitte helfen?
2. Richtig oder falsch?
- Die Dornen der Blumen sind laut dem Prinzen zu nichts nütze. sie schützen die Blume
- Die Rose ist kokett und anspruchsvoll.
- Die Rose gesteht ihre Liebe schon bei der ersten Begegnung. erst beim Abschied
- Der kleine Prinz verlässt seinen Planeten, weil er die Rose nicht versteht.
3. Wunsch oder Realität? Wähle die richtige Form
- Ich glaube, dass sie schön (ist / wäre).
- Ich wünschte, sie (ist / wäre) glücklich.
4. Schreibübung
- Die Rose sagt: „Ich muss wohl ein paar Raupen ertragen, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will." Erzähle in 4–5 Sätzen von einer Schwierigkeit, die du in Kauf genommen hast, um ein wertvolles Ziel zu erreichen. Verwende mindestens zwei Konjunktiv-II-Formen (ich hätte …, ich wünschte …).