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« Es ist viel schwieriger, sich selbst zu richten, als die anderen zu richten. Wenn es dir gelingt, dich selbst gut zu richten, so bist du ein wahrhaft Weiser. »
— Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz


📖 Zusammenfassung

Der König, der Eitle, der Säufer

👑 Von Planet zu Planet: ein König ohne Untertanen, ein Eitler, ein Säufer.

Hier beginnt die große Reise des kleinen Prinzen durch die benachbarten Asteroiden 🌍, jene Bildergalerie, die den satirischen Kern des Buches bildet. Jeder Planet birgt nur einen einzigen Bewohner, jeder Bewohner verkörpert nur einen einzigen Wesenszug, und jeder ist widersinnig allein, in seine Marotte eingeschlossen wie in eine Zelle. Saint-Exupéry knüpft hier, in märchenhafter Weise, an die große Überlieferung der philosophischen Erzählung an: Diese Erwachsenen, die sich für ernst und vernünftig halten, sind lauter Gestalten der Unvernunft, und es ist der neue Blick des Kindes, wie der von Voltaires Candide, der ihre Widersinnigkeit enthüllt. Die Reise ist kein Abenteuer: Sie ist eine sittliche Untersuchung der Krankheiten des Erwachsenenalters.

Der erste Planet ist der des Königs. In Purpur und Hermelin gekleidet, auf einem winzigen Gestirn thronend, gibt er vor, über alles zu herrschen — über seine abwesenden Untertanen, über die Sterne ⭐, über die Sonne. Bei der Ankunft des kleinen Prinzen ruft er aus: „Ah! Da ist ein Untertan!“ Doch seine Macht ist nur eine sorgsam gepflegte Erdichtung. Dieser Herrscher, in Wahrheit sehr besonnen, weiß, dass man nur das Vernünftige befehlen kann. Befähle man einem General, sich in einen Seevogel zu verwandeln, und der General gehorchte nicht, so läge die Schuld nicht beim General, sondern beim König. „Man muss von jedem das fordern, was jeder geben kann. Die Autorität beruht zuerst auf der Vernunft.“ So erteilt der König eine unerwartete Lehre politischer Weisheit: Die rechtmäßige Macht ist nicht die, die willkürlich zwingt, sondern die, die sich nach der Natur der Dinge richtet. Als er den kleinen Prinzen zurückhalten will, ernennt er ihn zum Minister, zum Botschafter und willigt schließlich, um ihm zu gefallen, ein, ihm einen Sonnenuntergang 🌅 zu befehlen — aber „wenn die Bedingungen günstig sein werden“. Hinter der Satire des Herrschsucht durchschimmert also eine feine Einsicht: Der wahre Souverän ist der, der die Grenze seines Reiches kennt. Der kleine Prinz aber zieht weiter und findet die großen Leute recht sonderbar.

Der zweite Planet ist der des Eitlen. Kaum erblickt er das Kind, grüßt er es wie einen Bewunderer. Er trägt einen Hut zum Grüßen, doch leider kommt nie jemand vorbei. Er bittet den kleinen Prinzen, in die Hände zu klatschen, und bei jedem Schlag lüftet er bescheiden seinen Hut. Das Kind belustigt sich eine Weile, dann ermüdet es. Denn der Eitle hört auf der Welt nur eines: die Lobsprüche. Jedes Wort, das kein Lob ist, bleibt ihm unhörbar. „Bewunderst du mich wirklich sehr?“ — das ist seine einzige Frage. Das Drama des Eitlen ist, dass er ebenso allein ist wie der König: Er kann von den anderen nur ein Spiegelbild seiner selbst empfangen. Er braucht ein Publikum, doch dieses Publikum zählt für ihn nur als Spiegel. Saint-Exupéry rührt hier an eine tiefe Wahrheit über die Eitelkeit: Sie hebt den anderen auf, indem sie ihn auf eine spiegelnde Funktion beschränkt. Der Eitle begegnet nie jemandem; er begegnet nur seinem Bild in den Augen der anderen.

Der dritte Planet, der kürzeste und der herzzerreißendste, ist der des Säufers. Der kleine Prinz findet ihn schweigend vor einer Sammlung leerer und voller Flaschen sitzen. Der folgende Dialog ist ein Meisterwerk kreislaufender Logik und der Verzweiflung. „Warum trinkst du?“ — „Um zu vergessen.“ — „Um was zu vergessen?“ — „Um zu vergessen, dass ich mich schäme.“ — „Weswegen schämst du dich?“ — „Ich schäme mich, dass ich trinke!“ Der Kreis schließt sich, vollkommen und ausweglos. Die Scham treibt zum Trinken, und das Trinken nährt die Scham. Diese Szene, von ergreifender Bündigkeit, ist vielleicht die treffendste Darstellung der Sucht, die je für Kinder gegeben wurde: kein Laster, sondern eine Falle, eine Spirale, in der das Heilmittel das Gift ist. Der kleine Prinz zieht weiter, in schwermütige Ratlosigkeit versenkt. „Die großen Leute sind entschieden sehr, sehr sonderbar.“ Doch unter der Sonderbarkeit erahnt das Kind das Leiden.

Der vierte Planet ist der des Geschäftsmanns. Dieser Mann, so beschäftigt, dass er nicht die Zeit findet, den Kopf zu heben, zählt und zählt die Sterne ⭐. Er besitze sie, sagt er, weil er der Erste war, der daran dachte, sich als ihr Eigentümer zu bezeichnen. Wozu nützt ihm das? Um reich zu sein. Und wozu nützt es, reich zu sein? Um andere Sterne zu kaufen. Der kleine Prinz hält dieser leeren Logik seine eigene Erfahrung entgegen: Er besitzt eine Blume 🌹, die er täglich begießt, und drei Vulkane, die er ausfegt; er ist seiner Blume und seinen Vulkanen nützlich. Der Geschäftsmann aber ist niemandem und nichts nützlich, und sein Besitz ist rein abstrakt — eine auf ein Papier geschriebene Zahl, in einer Schublade verschlossen. Saint-Exupéry liefert hier eine radikale Kritik des Eigentums als unfruchtbarer Anhäufung. Besitzen hat nur Sinn in der Bindung und der Sorge; ein Besitz ohne Verantwortung ist nichts als eine gespenstische Buchhaltung.

Diese vier Gestalten — der Tyrann der Macht, der Eitle des Scheins, der Säufer der Flucht, der Anhäufer des Habens — bilden ein vollständiges Gemälde der Sackgassen des erwachsenen Daseins. Alle haben die Einsamkeit und das Eingeschlossensein im Ich gemein. Keine kennt die Bindung, das Geben, die Aufmerksamkeit für den anderen. Durch diesen Aufzug begnügt sich Saint-Exupéry nicht mit Spott: Er entwirft im Negativen das Bildnis dessen, was ein rechtes Leben wäre — ein Leben, das aus sich heraus dem zugewandt ist, wofür man Sorge trägt. Die Reise des kleinen Prinzen ist eine Lehre aus dem Gegenteil: Indem sie zeigt, was man nicht sein soll, lässt sie erraten, was allein es wert ist, gelebt zu werden.


💭 Reflexion & Diskussion

  1. Der König behauptet, die rechtmäßige Autorität beruhe auf der Vernunft und dürfe nur das Mögliche fordern. Scheint Ihnen diese Auffassung von Macht weise oder allzu bequem? Inwiefern erhellt sie die Autoritätsverhältnisse, die Sie kennen?
  1. Der Eitle beschränkt den anderen auf einen Spiegel seiner selbst. Inwiefern hebt die Eitelkeit, wie Saint-Exupéry sie beschreibt, die Möglichkeit der Begegnung überhaupt auf? Scheint Ihnen diese Analyse über das Märchen hinaus gültig?
  1. Der Dialog mit dem Säufer schließt Scham und Alkohol in einen ausweglosen Kreis ein. Was sagt diese Kreisförmigkeit über das Wesen der Sucht? Warum ist diese Stelle zugleich komisch und tragisch?
  1. Der Geschäftsmann besitzt die Sterne, ohne für sie zu sorgen; der kleine Prinz ist seiner Blume „nützlich“. Welche Auffassung von Eigentum stellt das Buch der Anhäufung entgegen? Überzeugt Sie diese Unterscheidung zwischen Besitzen und Sorgen?
  1. Diese vier Gestalten haben die Einsamkeit und das Eingeschlossensein im Ich gemein. Würden Sie sagen, dass diese Fehler dem Erwachsenenalter eigen sind, oder durchziehen sie jedes menschliche Dasein?
  1. Saint-Exupéry kritisiert durch das Lachen, nach Art der philosophischen Erzählung. Ist das Lachen Ihrer Ansicht nach ein wirksames Mittel, die menschlichen Fehler anzuprangern, oder droht es, sie allzu liebenswert zu machen?

📚 Weiterführendes

Voltaire, Candide und Der Naive — Die philosophische Erzählung schlechthin, in der ein neuer Blick die Welt durchquert und ihre Torheiten enthüllt. Die Reise des kleinen Prinzen ist ihr ferner poetischer Vetter: dasselbe Verfahren des enthüllenden Naiven, dieselbe Satire durch die Ironie.

Jean de La Fontaine, Fabeln — Die Kunst, durch kurze, typisierte Gestalten eine sittliche Wahrheit über Eitelkeit, Geiz oder Macht auszusprechen. Die Bewohner der Asteroiden sind lauter verdichtete Fabeln.

Blaise Pascal, Gedanken (die Zerstreuung) — Pascals Analyse der „Zerstreuung“ — jener Betriebsamkeit, mit der der Mensch der Selbstbegegnung entflieht — erhellt vortrefflich den Säufer, den geschäftigen Geschäftsmann und den nach Beifall gierenden Eitlen.

Erich Fromm, Haben oder Sein — Eine Besinnung auf die beiden Grundweisen des Daseins: die Logik des Habens und der Anhäufung gegen die des Seins und der Beziehung. Eine unmittelbare zeitgenössische Fortführung der Kritik am Geschäftsmann.


🔊 Audio

▶️ Kapitel 4 anhören — Natif

Lerntipp: Der Dialog mit dem Säufer lebt vom Rhythmus der kurzen Wechselreden. Sprechen Sie ihn beim Hören leise mit — die Kreisförmigkeit prägt sich am besten durch das eigene Nachsprechen ein.


✍️ Schreibübung

  1. Thema: Erfinden Sie, nach Art Saint-Exupérys, die Beschreibung eines „Planeten“, den ein einziger Bewohner bewohnt, der einen kennzeichnenden Fehler unserer Zeit verkörpert (etwa die Besessenheit von der Leistung, die Abhängigkeit von Bildschirmen, den Kult des Selbstbildes). Lassen Sie einen naiven Blick dorthin reisen, der die Widersinnigkeit enthüllt, und arbeiten Sie dann die sittliche Lehre heraus, die diese Reise nahelegt. Die Übung setzt voraus, dass Sie das Doppelregister der philosophischen Erzählung beherrschen: die Leichtigkeit der Fabel und die Schwere der Kritik. Ihre Gestalt soll zugleich lächerlich und aufschlussreich sein; Ihr „kleiner Prinz“ soll die einfachen Fragen stellen, die die Unvernunft zutage treten lassen. Hüten Sie sich vor aufdringlicher Moral. Ihr Text sollte etwa 250 bis 300 Wörter umfassen.