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« Ich hätte nicht auf sie hören sollen, gestand er mir eines Tages, man darf den Blumen nie zuhören. Man muss sie anschauen und einatmen. »
— Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz


📖 Zusammenfassung

Die Rose

🌹 Eine einzige Blume, eitel und zerbrechlich, die er lieben lernt.

Der gefühlvolle Kern des Buches knüpft sich hier, um eine Blume 🌹. Doch noch ehe die Geschichte der Rose erzählt wird, bricht sie in einem Schrei hervor. Der kleine Prinz, der auf seine Frage nach den Dornen zurückkommt, fährt auf: Wozu dienen die Dornen, wenn ein Schaf 🐑 eine Blume fressen kann? Der Flieger, von der Reparatur seines Motors und der Angst vor dem Wassermangel in Anspruch genommen, antwortet zerstreut, die Dornen dienten zu nichts, sie seien reine Bosheit der Blumen. Da wird das Kind zornig, und sein Zorn ist erschütternd. Es wirft dem Erzähler vor, seine Sorgen mit denen eines „karmesinroten“ Herrn zu verwechseln, eines jener ernsten Männer, die nichts als Additionen machen und sich für wichtig halten. „Wenn jemand eine Blume liebt, die es in Millionen und Abermillionen von Sternen nur ein einziges Mal gibt, so genügt das, damit er glücklich ist, wenn er sie ansieht … Und wenn das Schaf die Blume frisst, so ist es für ihn, als erlöschten plötzlich alle Sterne! Und das soll nicht wichtig sein!“ Der kleine Prinz weint. Und der Flieger, beschämt, lässt sein Werkzeug fallen: Er begreift mit einem Mal, dass nichts von Bedeutung ist neben dem Kummer eines Kindes. Diese Szene ist entscheidend, denn sie kehrt die Rangordnung der Dringlichkeiten um. Die Panne, der Durst, der mögliche Tod wiegen nichts gegenüber der Not eines liebenden Wesens. Das Wesentliche ist nicht das, was das Leben bedroht, sondern das, was bedroht, wofür man lebt.

Nun folgt die Geschichte der Rose selbst. Auf dem Planeten 🌍 des kleinen Prinzen waren stets einfache, schmucklose Blumen gewachsen. Doch eines Tages keimte ein Same, hergeweht von irgendwoher, und der Trieb kündigte bald eine Blume unbekannter Art an. Die Rose ließ sich alle Zeit, sich vorzubereiten, richtete ihre Blätter, wählte ihre Farben und weigerte sich, zerknittert zu erscheinen wie der Mohn. Sie wollte im vollen Glanz ihrer Schönheit auftreten. Und in der Tat war sie, als sie sich im Morgengrauen öffnete, blendend 🌹. Doch kaum geboren, erwies sie sich als kokett, anspruchsvoll und bald tyrannisch. Sie verlangt einen Wandschirm gegen die Zugluft, eine Glasglocke für die Nacht, beklagt sich über Tiger — die es auf diesem Planeten nicht gibt —, gibt sich empfindlich gegen die Kälte und hustet, um Gewissensbisse zu erregen. Der kleine Prinz, voller gutem Willen, bedient sie, beschützt sie, hört ihr zu. Doch er leidet. „Sie erfüllte mich mit Duft und Licht. Ich hätte niemals fliehen dürfen!“

Das Drama der Rose ist das einer ungeschickten Liebe, auf beiden Seiten vom Stolz vergiftet. Die Blume verbirgt ihre Zärtlichkeit hinter Launen; sie liebt, doch weiß es nicht zu sagen, und verkleidet ihr Bedürfnis nach dem anderen als eitle Forderung. Der kleine Prinz, zu jung, um lieben zu können, nimmt ihre Worte beim Buchstaben, statt auf ihre Taten zu blicken. „Man darf den Blumen nie zuhören“, wird er später gestehen. „Man muss sie anschauen und einatmen.“ Die ganze Liebesweisheit des Buches liegt in diesem rückblickenden Geständnis: Die Worte verraten oft das Gefühl, und die Liebe liest sich in der Gegenwart, im Duft, in der Sorge weit mehr als in den Erklärungen. Der kleine Prinz gesteht, „nichts verstanden“ zu haben, dass er die Zärtlichkeit hinter den Listen hätte erraten müssen. „Ich war zu jung, um sie lieben zu können.“ Es ist das rührende Eingeständnis einer Unreife des Gefühls und der geheime Ursprung seiner Schwermut.

Der dritte Abschnitt ist der des Aufbruchs. Da er die Widersprüche seiner Blume nicht mehr erträgt, beschließt der kleine Prinz, seinen Planeten zu verlassen, wobei er, so heißt es, den Zug wilder Vögel nutzt. Vor dem Abschied vollzieht er sorgfältig die Gesten des Abschieds: Er fegt seine tätigen Vulkane aus — und aus Vorsicht sogar den erloschenen —, er reißt die letzten Triebe der Affenbrotbäume aus, er glaubt, all dies zum letzten Mal zu tun. Dann begießt er seine Blume 💧 und will sie mit ihrer Glocke bedecken. Da entledigt sich die Rose im Augenblick der Trennung endlich ihrer Maske. Sie lehnt die Glocke ab, bittet um Verzeihung, gesteht, töricht gewesen zu sein, und wünscht dem Kind, glücklich zu sein. Sie will allein dem Wind und den Tieren trotzen: „Ich muss wohl zwei oder drei Raupen ertragen, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will.“ In der plötzlichen Sanftheit dieser Worte bricht endlich die Liebe hervor, die sie verschwiegen hatte. Sie will nicht, dass er sie weinen sieht; sie drängt ihn fortzugehen. Und der kleine Prinz entfernt sich, verstört von dieser späten Zärtlichkeit, und begreift zu spät, dass er hätte glücklich sein können.

Diese Geschichte der Rose ist der Herd, von dem aus der ganze Sinn des Buches ausstrahlt. Sie bereitet die spätere Offenbarung des Fuchses vor — dass es die für die Rose verlorene Zeit ist, die sie einzigartig macht, und dass man für das verantwortlich ist, was man sich vertraut gemacht hat. Doch schon für sich genommen gilt sie als eine der treffendsten Liebesanalysen, die die Literatur hervorgebracht hat: eine vom Stolz verhinderte, zu spät durch das Geständnis gerettete Liebe, die ihre Wahrheit erst im Schmerz der Trennung erfährt. Man denkt an jene psychologische Feinheit großer Erzähler, an Gefühle, die sich erst in dem Augenblick enthüllen, in dem man sie verliert. Die Rose Saint-Exupérys lehrt, dass man wahrhaft liebt, wenn es schon Zeit ist zu gehen.


💭 Reflexion & Diskussion

  1. Angesichts des Kummers des kleinen Prinzen gibt der Flieger die lebenswichtige Reparatur seines Motors auf. Inwiefern bestimmt diese Umkehrung der Dringlichkeiten das, was Saint-Exupéry „das Wesentliche“ nennt? Stimmen Sie dieser Rangordnung zu?
  1. „Man darf den Blumen nie zuhören. Man muss sie anschauen und einatmen.“ Was sagt dieser Satz über den Abstand zwischen Worten und Taten in der Liebe? Soll man sich eher auf das verlassen, was man sagt, oder auf das, was man tut?
  1. Die Rose verbirgt ihre Zärtlichkeit hinter Launen und Stolz. Warum ist es so häufig, dass man sein Bedürfnis nach dem anderen als Forderung oder Kälte verkleidet? Erkennen Sie diesen Mechanismus wieder?
  1. Der kleine Prinz hält sich für „zu jung, um sie lieben zu können“. Lässt sich die Kunst des Liebens erlernen? Kann man richtig lieben, ohne zuvor gescheitert zu sein?
  1. Erst im Augenblick des Aufbruchs gesteht die Rose ihre Liebe. Warum enthüllt die Trennung so oft verschwiegene Gefühle? Was sagt das über unsere Schwierigkeit, die Liebe in der Gegenwart auszusprechen?
  1. Die Rose lehnt die Glocke ab und will allein dem Wind und den Raupen trotzen, um die Schmetterlinge kennenzulernen. Welche Auffassung von Liebe und Freiheit schlägt dieses letzte Wort vor?

📚 Weiterführendes

Madame de La Fayette, Die Prinzessin von Clèves — Das Meisterwerk der französischen Liebesanalyse, in dem die stärksten Gefühle aus Pflicht oder Stolz verschwiegen bleiben und sich erst enthüllen, wenn es zu spät ist. Eine tiefe Verwandtschaft mit dem Drama der Rose.

Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe — Eine moderne Anatomie der Sprache der Liebe: das Warten, die Eifersucht, das Geständnis, das Missverständnis. Barthes zeigt, wie der Liebende spricht und sich verrät, was die Launen der Rose vortrefflich erhellt.

Marcel Proust, Eine Liebe Swanns — Über die Weise, wie die Liebe entsteht, leidet und sich von dem nährt, was ihr widersteht, und über die Zeit, die es braucht, um zu begreifen, was man erlebt hat. Die „verlorene Zeit“ Prousts spricht mit der Zeit, die der kleine Prinz für seine Rose „verlor“.

Antoine de Saint-Exupéry, Briefe an Consuelo — Der Briefwechsel mit seiner Frau Consuelo, von der man weiß, dass sie die Rose eingegeben hat: leidenschaftlich, stürmisch, eifersüchtig und zärtlich. Diese Briefe zu lesen heißt, die biografische Quelle dieses Kapitels zu berühren.


🔊 Audio

▶️ Kapitel 3 anhören — Natif

Lerntipp: Hören Sie besonders auf die Stelle des Abschieds. Die Sanftheit im Ton der Rose ist im Deutschen an der ruhigeren Sprechmelodie zu erkennen — ein Gegensatz zu ihren vorherigen Klagen.


✍️ Schreibübung

  1. Thema: Das Buch legt nahe, dass man die Wahrheit einer Bindung oft zu spät begreift und dass der Stolz uns hindert, rechtzeitig zu sagen, was wir fühlen. Verfassen Sie, ausgehend von dieser Ahnung und womöglich genährt von einer eigenen Erfahrung, eine Besinnung über den Abstand zwischen dem Augenblick, in dem man liebt, und dem, in dem man weiß, dass man liebt. Meiden Sie das bloße gefühlvolle Bekenntnis: Suchen Sie durch Ihre Erzählung eine Analyse der Mechanismen von Stolz, Missverständnis und verspätetem Geständnis herauszuarbeiten. Sie können, nach Art Saint-Exupérys, die Taten statt der Worte sprechen lassen und zeigen, wie die Zärtlichkeit sich zuweilen hinter ihrem Gegenteil verbirgt. Ihr Text sollte etwa 250 bis 300 Wörter umfassen.