« Die großen Leute lieben die Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, fragen sie euch nie nach dem Wesentlichen. »
— Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
📖 Zusammenfassung
🌅 Ein winziger Planet, drei Vulkane und Sonnenuntergänge nach Belieben.
Diese drei Kapitel vertiefen die Satire auf die Erwachsenenwelt und errichten zugleich die innere Geografie des kleinen Prinzen: seinen Planeten, seine Pflichten, seine Schwermut. Der Erzähler enthüllt zunächst, dass der Stern, von dem das Kind stammt, höchstwahrscheinlich der Asteroid B-612 ⭐ ist. Diese scheinbar beruhigende Genauigkeit dient in Wahrheit einer Spitze gegen den Geist der Erwachsenen. Denn die Geschichte dieses Asteroiden ist erbaulich: Ein türkischer Astronom hatte ihn schon 1909 entdeckt, doch als er seine Entdeckung auf einem internationalen Kongress vortrug, glaubte ihm wegen seines orientalischen Gewandes niemand. Erst nachdem ein Diktator seinem Volk die europäische Kleidung aufgezwungen hatte, wurde der Gelehrte, der seinen Beweis nun in westlicher Tracht wiederholte, endlich ernst genommen. Die Anekdote ist grausam: Die wissenschaftliche Wahrheit, die den Erscheinungen gegenüber gleichgültig sein sollte, hängt am Schnitt eines Kleidungsstücks.
Von hier aus verallgemeinert der Erzähler. Die großen Leute, erklärt er, haben ein krankhaftes Verhältnis zu Zahlen. Beschreibt man einen Freund damit, dass er Schmetterlinge liebt und Klavier spielt, bleiben sie kalt; verkündet man aber, er „verdiene so und so viel“ oder besitze ein Haus „für hunderttausend Franc“, rufen sie sogleich aus: „Wie schön er sein muss!“ Das Messbare hat das Qualitative verdrängt. Diese Besessenheit vom Zählbaren ist kein geringfügiger Makel: Sie zeugt von einer wahren Verstümmelung der Empfindsamkeit, einer Unfähigkeit, den Wert dort zu erkennen, wo er liegt — im Einzelnen, im Unmerklichen, im Gefühlten. Der Erzähler gesteht darauf seine eigene Wehmut: Für die Kinder, die in ihm fortleben, schreibt er dieses Buch, und er bittet um Verzeihung, wenn er selbst zuweilen zu Zahlen greift, so groß ist der Bann der Erwachsenenwelt.
Danach wendet sich die Erzählung dem Alltag auf dem Asteroiden zu. Der kleine Prinz spricht von der Bedrohung durch die Affenbrotbäume. Solange diese jung sind, gleichen sie harmlosen Trieben; reißt man sie aber nicht rechtzeitig aus, so zersprengen ihre Wurzeln am Ende den ganzen Planeten. Jeden Morgen widmet sich das Kind daher der sorgfältigen Pflege seines Sterns 🌍: Unkraut jäten, die jungen Bäume überwachen. „Das ist eine Frage der Disziplin“, sagt es. Hinter dem Bild verbirgt sich eine durchsichtige Allegorie: Die Affenbrotbäume stehen für die schlechten Gedanken, die Vorurteile, die Laster, die man duldet, solange sie klein sind, und die — bleibt die tägliche Wachsamkeit aus — schließlich eine Seele oder, denkt man an das Entstehungsjahr 1943, eine ganze Zivilisation zugrunde richten.
Das sechste Kapitel schließlich ist von reiner und ergreifender Schönheit. Der kleine Prinz gesteht, dass er die Sonnenuntergänge 🌅 liebt. Auf einem so winzigen Planeten wie dem seinen genügt es, den Stuhl um einige Schritte zu rücken, um einer neuen Dämmerung beizuwohnen; an einem Tag großer Traurigkeit habe er dreiundvierzig davon betrachtet. Auf die Frage des Erzählers — war er denn so traurig? — antwortet das Kind nicht. Dieses Schweigen sagt viel. Die Verbindung, die Saint-Exupéry zwischen der Melancholie und dem Schauspiel des Abends knüpft, berührt das Allgemeinmenschliche: Die Dämmerung, dieser Übergang zwischen Tag und Nacht 🌑, bietet dem Kummer einen ästhetischen Trost, eine Weise, die äußere Welt mit dem Inneren des Herzens in Einklang zu bringen. So ahnt der Leser, noch ehe die Rose 🌹 erscheint, dass dieses kleine, sonnenhafte Wesen eine geheime Wunde in sich trägt.
In diesen drei Episoden entfaltet sich die doppelte Ausrichtung des Märchens: einerseits die Anklage des unfruchtbaren Ernstes der Erwachsenen, andererseits die Feier einer kindlichen Empfindsamkeit, die sich unter ihrem spielerischen Schein als zutiefst ernst erweist. Lachen und Weinen fließen bei Saint-Exupéry unaufhörlich ineinander.
🔤 Wortschatz
| Wort / Ausdruck | Register | Bedeutung im Kontext |
|---|---|---|
| erbaulich | gehoben (oft ironisch) | moralisch belehrend; hier: musterhaft dumm |
| verdrängen | gehoben | beiseiteschieben, ersetzen, ausschalten |
| das Messbare | gehoben/abstrakt | das, was sich in Zahlen erfassen lässt |
| die Verstümmelung (übertr.) | gehoben | gewaltsame Beseitigung eines wesentlichen Teils |
| der Makel | gehoben | Charakterschwäche, kleiner moralischer Mangel |
| zersprengen | gehoben | auseinanderreißen, gewaltsam zerstören |
| die Allegorie | gehoben/literarisch | bildhafte Darstellung eines abstrakten Gedankens |
| die Wachsamkeit | gehoben | anhaltende Aufmerksamkeit, ständige Überwachung |
| ergreifend | gehoben | tief bewegend, ans Herz gehend |
| die Dämmerung | gehoben/literarisch | Licht des Sonnenuntergangs, Einbruch der Nacht |
| die Ausrichtung | gehoben | grundlegende Orientierung, innere Tendenz |
| unfruchtbar (übertr.) | gehoben | ohne Ertrag, ohne schöpferische Kraft |
💬 Ausdrücke & Redewendungen
| Ausdruck | Register | Verwendung |
|---|---|---|
| viel sagen / vielsagend sein | gehoben | sehr aufschlussreich sein (dieses Schweigen sagt viel) |
| in Einklang bringen | gehoben | zwei Dinge miteinander harmonisieren |
| zugrunde richten | gehoben | völlig zerstören, ruinieren |
| ernst nehmen | umgangssprachlich/gehoben | jemandem/etwas Bedeutung beimessen |
| eine Wunde in sich tragen | literarisch | einen verborgenen Schmerz in sich bewahren |
🧠 Grammatik — Das Plusquamperfekt
Das Plusquamperfekt drückt eine Handlung aus, die vor einer anderen vergangenen Handlung liegt. Es ist die „Vorvergangenheit“. In einer Erzählung im Präteritum oder Perfekt dient es dazu, im Zeitfaden zurückzugehen und zu berichten, was zuvor geschehen war.
Bildung: Hilfsverb (haben oder sein) im Präteritum + Partizip II.
| Person | mit haben | mit sein |
|---|---|---|
| ich | ich hatte entdeckt | ich war gekommen |
| er / sie | er hatte vorgetragen | sie war gekommen |
| sie (Pl.) | sie hatten geglaubt | sie waren angekommen |
Beispiele aus dem Kapitel:
- Ein türkischer Astronom hatte den Asteroiden schon 1909 entdeckt. (bevor man ihm glaubte)
- Als er seine Entdeckung vorgetragen hatte, glaubte ihm niemand.
- Nachdem ein Diktator die europäische Kleidung aufgezwungen hatte, wurde der Gelehrte ernst genommen.
Die Zeitenfolge (Consecutio temporum):
| Vorzeitige Handlung (Plusquamperfekt) | Nachzeitige Handlung (Präteritum) |
|---|---|
| Er hatte seinen Beweis wiederholt | und diesmal glaubte man ihm. |
| Ein Diktator hatte die Kleidung aufgezwungen | ehe der Gelehrte ernst genommen wurde. |
💡 Tipp: Das Plusquamperfekt ist für die Rückblende unentbehrlich. Es schafft Zeitschichten: Die Geschichte des Astronomen wirkt wie eine Klammer in der Vergangenheit. Merken Sie sich das feste Paar „nachdem“ + Plusquamperfekt im Nebensatz, Präteritum im Hauptsatz.
📝 Glossar
1. erbaulich (Adjektiv)
Eigentliche Bedeutung: moralisch aufbauend, belehrend (eine erbauliche Lektüre). Im modernen Gebrauch jedoch oft ironisch: „ein erbauliches Beispiel für Dummheit“ heißt, dass man lernt, wie weit Dummheit gehen kann. Der Kontext entscheidet über den Sinn.
2. verdrängen (Verb)
Ursprünglich räumlich: jemanden von seinem Platz drücken. Heute: jemanden oder etwas aus einer Stellung schieben, ersetzen (das Messbare hat das Qualitative verdrängt). In der Psychologie ein Fachbegriff (Verdrängung ins Unbewusste). Register: gehoben.
3. die Allegorie (Nomen)
Aus dem Griechischen allēgoría („anders sagen“). Verfahren, bei dem ein abstrakter Gedanke durchgängig konkret dargestellt wird (anders als die punktuelle Metapher). Die Affenbrotbäume sind eine Allegorie des Übels, das man wachsen lässt. Adjektiv: allegorisch.
4. die Dämmerung (Nomen)
Vom Verb dämmern. Bezeichnet das unsichere Licht vor Sonnenaufgang (Morgendämmerung) oder, häufiger, nach Sonnenuntergang (Abenddämmerung). Übertragen auch der Niedergang (die Dämmerung eines Lebens). Ein Wort von starker poetischer Kraft.
5. die Melancholie (Nomen)
Etymologisch „schwarze Galle“ (aus der antiken Lehre der Körpersäfte). Sanfte, vage Traurigkeit ohne genauen Grund, oft von Träumerei durchzogen und nicht ohne Reiz — zu unterscheiden von der krankhaften Depression. Sie ist das Grundgefühl des Kleinen Prinzen.
🔊 Audio
Tipp: Erkennen Sie in der Astronomen-Anekdote den Wechsel zwischen Präteritum und Plusquamperfekt heraus. Dieses Spiel mit den Zeitstufen ist der Kern jeder deutschen Erzählung: „hatte entdeckt“ und dann „glaubte man ihm“ zu hören heißt, die Tiefe der Zeit ohne Übersetzungsmühe zu erfassen.
✍️ Übungen
1. Plusquamperfekt — Konjugation
Setzen Sie die eingeklammerten Verben ins Plusquamperfekt.
- Der Astronom (entdecken) den Asteroiden lange, bevor man ihm zuhörte.
- Niemand (glauben) ihm wegen seines Gewandes.
- Vor der Abreise (ausreißen) der kleine Prinz die jungen Affenbrotbäume.
- An jenem Tag (sehen) er dreiundvierzig Sonnenuntergänge.
2. Vorzeitigkeit mit „nachdem“
Verbinden Sie die beiden Sätze mit nachdem und dem Plusquamperfekt. Beispiel: „Er wechselt das Gewand. Dann glaubt man ihm.“ → „Nachdem er das Gewand gewechselt hatte, glaubte man ihm.“
- Das Kind vernachlässigt einen Affenbrotbaum. Der Planet zerbricht.
- Der Erzähler verliert seinen Freund. Er wird ein ernster Erwachsener.
3. Literarische Analyse
Lesen Sie die Anekdote vom türkischen Astronomen erneut.
- Was prangert Saint-Exupéry mit dieser Geschichte an?
- Warum ist das Gewand ein wirkungsvolles Symbol?
4. Mini-Aufsatz (150–200 Wörter)
- Thema: „Die Affenbrotbäume unseres Lebens“ — welches sind Ihrer Meinung nach die „schlechten Samen“, die man täglich ausreißen muss, ehe sie überhandnehmen? Entfalten Sie Saint-Exupérys Allegorie anhand eines konkreten Beispiels. Verwenden Sie mindestens ein Plusquamperfekt, um eine vergangene Nachlässigkeit und ihre Folgen zu schildern. Schreibtipp: Gehen Sie vom Bild der Affenbrotbäume aus, übertragen Sie es auf eine menschliche Schwäche (Groll, Trägheit, ein Vorurteil) und zeigen Sie die Rolle der täglichen „Disziplin“.